Damit der Backofen in den Schrank passt: 100 Jahre Frankfurter Küche, 70 Jahre AMK
Warum Standards individuelle Küchen erst möglich machen
Mannheim, 23.06.2026. In diesem Jahr gilt es zwei Jubiläen zu feiern, zwei Meilensteine, ohne die es die moderne Küche nicht in der heutigen Form gäbe: Vor 100 Jahren wurde mit der Frankfurter Küche die Idee der modernen Einbauküche geboren. Und seit 70 Jahren sorgt die Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK) dafür, dass aus dieser Idee ein funktionierendes System wird – industriell herstellbar, individuell planbar und international anschlussfähig.
Wer heute über Küche spricht, spricht über die moderne Einbauküche: Der Backofen sitzt bündig im Hochschrank, der Kühlschrank lässt sich in die Küchenzeile integrieren und auch nach Jahren noch austauschen. Kochfeld, Spüle, Armatur, Stauraum, Licht und Arbeitsflächen – alles greift ineinander und ist so geplant, dass es den größtmöglichen Komfort bietet. Was Verbraucherinnen und Verbraucher als ein Produkt wahrnehmen, entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Gewerke, Hersteller und Planungsschritte – und ist ein Produkt, das zwar allgegenwärtig ist, das es jedoch in dieser Form noch nicht sehr lange gibt.
Zwei Meilensteine in der Küchenevolution
Vor 100 Jahren entwarf Margarete Schütte-Lihotzky die Frankfurter Küche – ein Meilenstein der Design- und Wohnkultur und der Prototyp der modernen Einbauküche. Vor 70 Jahren wurde dann die Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. gegründet. Ihr Auftrag war in der Satzung definiert: „Die Vereinigung hat das Ziel, zum Zwecke der erleichterten Haushaltsführung die Einführung moderner An- und Einbauküchen in der Öffentlichkeit zu fördern (…)“ und weiter: „Der Zweck der Vereinigung ist nicht auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb oder eine Gewinnerzielung gerichtet.“
Mit diesem Zielt wurde die AMK zur Plattform einer Branche, die bis heute Möbel, Geräte, Spülen, Zubehör, Handel, Normung, Technik und Verbraucherinformation zusammenführt – und damit der Idee von Schütte-Lihotzky zum Durchbruch verhalf. Beide Jubiläen erzählen eine gemeinsame Geschichte: Gute Küchen sind das Resultat von innovativem Denken und Planung.
Vor 100 Jahren wurde Küche neu gedacht
Die Frankfurter Küche veränderte 1926 den Blick auf einen Raum, der zuvor meist aus Einzelteilen bestand: Herd, Tisch, Schrank, Regale, Vorräte, Wasserstelle. Je nach sozialem Milieu war die Küche Wohnraum, Arbeitsraum, Heizraum, Waschraum oder Wirtschaftsraum. Was fehlte, war ein durchgängiges System – bis Margarete Schütte-Lihotzky kam. Die Wienerin, die als eine der ersten Frauen in Österreich Architektur studieren konnte, kam im Rahmen des Wohnungsbauprogramms „Das Neue Frankfurt“ in die hessische Metropole und zettelte von dort aus eine kleine Revolution an: Sie entwickelte einen kleinen, funktionalen und seriell herstellbaren Raum, in dem Vorbereitung, Kochen, Spülen, Aufbewahren und Arbeiten logisch aufeinander bezogen waren. Kurze Wege, klare Arbeitszonen, Stauraum, Hygiene und effiziente Abläufe machten aus wenigen Quadratmetern ein Modell, das Küchenplanung bis heute prägt. „Die Frankfurter Küche war der Moment, in dem Küche erstmals als Gesamtkonzept gedacht wurde“, sagt Volker Irle, Geschäftsführer der AMK. „Vorher standen in der Küche einzelne Dinge: ein Ofen, ein Tisch, vielleicht ein Schrank. Mit der Frankfurter Küche wurde daraus ein geplanter Raum – mit Vorbereitung, Kochplatz, Waschplatz und Aufbewahrung. Ohne diesen Schritt gäbe es die moderne Einbauküche, wie wir sie heute kennen, nicht.“
Von der Idee zur industriellen Wirklichkeit
Der nächste Meilenstein wurde drei Jahrzehnte später erreicht. In den 1950er-Jahren kamen die ersten Einbaugeräte auf den Markt, Möbel und Geräte rückten enger zusammen, Küchen wurden zunehmend industriell gefertigt. Da die einzelnen Komponenten, aus denen sich eine Küche zusammensetzt, von unterschiedlichen Herstellern kommen, rückte Koordination in den Fokus: Backofen oder Spüle mussten ins Möbel passen. Hitze und Feuchtigkeit durften dem Korpus nichts anhaben. Maße, Materialien, Sicherheit, Anschlüsse und Gestaltung mussten also aufeinander abgestimmt werden.
Und hier beginnt die Geschichte der AMK: Am 20. Januar 1956 trafen sich die Vertreter von zwölf Unternehmen in Darmstadt und beschlossen die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. Die Satzung wurde am 26. Mai 1956 gemeinsam mit dem Gründungsprotokoll beim Amtsgericht Darmstadt eingereicht. Zwölf Gründungsunternehmen sind in dem historischen Dokument aufgelistet.
Der Impuls zur Gründung folgte einer Notwendigkeit: Die moderne Küche brauchte einen runden Tisch. Für die Kundschaft mag die Küche wie ein geschlossenes Produkt wirken. Aus Industriesicht kommen jedoch viele unterschiedliche Komponenten zusammen: Küchenmöbel, Haushaltsgeräte, Spüle, Armatur, Beschläge, Arbeitsplatten, Licht, Zubehör und Planung. Damit aus diesen Einzelteilen eine funktionierende Küche wird, braucht es Koordination und ein abgestimmtes Vorgehen: „Die Küche ist ein besonderer Ort, weil dort unterschiedliche Werkstoffe, Wasser, Strom und Hitze auf engem Raum zusammenkommen“, erläutert Volker Irle. „Wenn Möbelindustrie, Gerätehersteller, Spülen- und Zubehöranbieter sowie der Handel gemeinsam ein Produkt ermöglichen sollen, braucht es eine neutrale Plattform. Genau dafür wurde die AMK gegründet – und genau dafür ist sie bis heute da.“
Warum Standards individuelle Küchen erst möglich machen
Was zunächst technisch klingt, hat für Küchenkäufer einen ganz konkreten Nutzen: Standards sorgen dafür, dass Komponenten zusammenpassen, Küchen zuverlässig geplant werden können und Ersatz oder Austausch auch nach vielen Jahren möglich bleibt. Standardisierte und genormte Maße schaffen Planungssicherheit und stellen sicher, dass ein Kühlschrank oder Backofen auch nach zehn oder fünfzehn Jahren ersetzt werden kann, ohne die gesamte Küche infrage zu stellen. Gleichzeitig sind Standards eine wichtige Grundlage für das Design moderner Einbauküchen. Erst durch die Abstimmung von Maßen, Schnittstellen, Materialien und Gestaltungsprinzipien entsteht aus einzelnen Komponenten ein harmonisches Gesamtbild. So wird die Küche nicht als Ansammlung technischer Einzelteile wahrgenommen, sondern als integral geplantes Designobjekt, das Funktion, Ästhetik und Langlebigkeit miteinander verbindet.
Dafür braucht es definierte Maße, technische Regeln und eine gemeinsame Verständigung innerhalb der Branche. Erst durch diese Koordination wird ein dauerhaft stimmiges, funktionales und zugleich individuelles Küchendesign möglich.
Gleichzeitig ermöglichen Standards die Verbindung aus industrieller Fertigung und Planung. Moderne Küchen werden in hohem Maß individuell zusammengestellt – passend zum Grundriss, zu den Menschen, zu Stauraumbedarf, Budget, Stil und Nutzung. Damit Individualität nicht zur reinen Einzelanfertigung wird, braucht es Raster und Schnittstellen. „Standards machen Küchen nicht weniger individuell – sie machen individuelle Küchen erst möglich“, sagt Volker Irle. „Ohne gemeinsame Maße und technische Regeln wäre jede Küche Einzelmanufaktur. Das wäre deutlich teurer.“
Vom Rest-Raum zum Lebensraum
Die AMK entstand auch in einer Zeit, in der der Stellenwert der Küche planerisch noch längst nicht selbstverständlich war. Ende der 1950er-Jahre wurden Küchen in Wohnungen und Eigenheimen häufig nach dem Prinzip behandelt: Was übrigbleibt, wird Küche. Die AMK setzte sich von Beginn an für besser geplante und größere Küchenräume ein. Bereits 1957 wurde die erste Küchen-Baunorm DIN 18022 verabschiedet, an der die AMK aktiv mitarbeitete. Spätestens mit diesem Erfolg wurde aus der Frankfurter Idee der geplanten Küche ein Branchenthema. Was 1926 als funktionale Arbeitsküche begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zur modernen Einbauküche: standardisiert und individuell, technisch anspruchsvoll und gestalterisch vielfältig, Arbeitsraum und Wohnraum zugleich. Dabei hat der Raum auch einen enormen Imageauftrieb bekommen: Heute ist die Küche in vielen Wohnungen und Häusern offener Mittelpunkt des Wohnens. Dort wird gekocht, gegessen, gearbeitet, geredet, gefeiert und gelebt. Die Basis dafür wurde für 100 Jahren geschaffen.
Die gesamte Branche an einem Tisch
Die AMK versteht sich heute als Fach- und Dienstleistungsverband der gesamten Küchenbranche. Gut 170 Mitgliedsunternehmen engagieren sich in der AMK: Hersteller von Küchenmöbeln, Elektro- und Einbaugeräten, Spülen, Zubehör, Zulieferer, Verbände und Dienstleister.
Über ihre Mitglieder und Partner erreicht die AMK zudem den Küchenfachhandel und ist damit die Schnittstelle zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern. In Arbeitsgruppen und Projektteams werden Themen bearbeitet, die für die gesamte Branche relevant sind: Technik und Normung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, Internationalisierung, funktionale Ausstattung und weitere Fachthemen. Rund 300 Expertinnen und Experten aus den Mitgliedsunternehmen sind in diesen Arbeitsgruppen aktiv. Sie entwickeln Lösungen, Empfehlungen und Standards, kommentieren Normungsprozesse und bringen praktische Erfahrung aus Industrie und Handel zusammen.
In internationalen Prozessen aktiv
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Technik und Normung. Die AMK arbeitet an nationalen DIN-Themen, an europäischen Normungsprozessen über CEN und an internationalen ISO-Aktivitäten mit. Zugleich veröffentlicht sie Merkblätter, Empfehlungen und technische Anforderungen zu küchenrelevanten Themen – von Arbeitsplatten und Oberflächen über Möbelgriffe und Kochfeldabzüge bis zu Kühlgeräten und Geschirrspülern. „Geschäfte und Innovationen entstehen durch und zwischen Menschen.“, sagt Volker Irle. „Um der gesamten Branche eine Plattform zu geben, sich auszutauschen, zu diskutieren und neue Ideen zu entwickeln, wurde die AMK gegründet. Wir verstehen uns als Non-Profit-Serviceorganisation, die einen Austausch ermöglicht, der die Küche immer besser macht.“ Meilensteine gab es in der Geschichte der AMK einige. Neben der Arbeit an technischen Standards hebt Volker Irle drei Punkte besonders hervor: „Mit dem ‚Ratgeber Küche‘ unterstützen wir den Fachhandel und helfen den Endkunden bei der Entscheidungsfindung. Der ‚Tag der Küche‘ ist besonders, weil wir es geschafft haben, für den wichtigsten Raum der Wohnung einen eigenen Tag im Jahr zu etablieren. Und auch in Hinblick auf die Internationalisierung haben wir einiges erreicht, etwa mit unserem Engagement in China, wo wir auch ein eigenes Büro haben, oder mit dem German Pavilion auf der KBIS in den Vereinigten Staaten.“
International, industriell, individuell
Eins ist seit der Gründung der AMK deutlich anders geworden: Die Welt ist enger zusammengerückt. So ist ein Schwerpunkt der Arbeit heute die Internationalisierung.
Viele Unternehmen der Küchenbranche sind mittelständisch geprägt, zugleich aber in zunehmend globalen Märkten aktiv. Unterschiedliche technische Anforderungen, Marktbedingungen, Normungsprozesse und Vertriebsstrukturen machen internationale Orientierung wichtig. Die AMK unterstützt hier als neutrale Plattform – etwa durch Marktinformationen, gemeinschaftliche Auftritte wie dem German Pavillon in den USA, Austauschformate und die Beteiligung an internationalen Normungsgremien. Damit wird die Idee der modernen Einbauküche auch international anschlussfähig. „Die moderne Küche ist kein einzelnes Möbelstück oder Gerät“, sagt Volker Irle. „Sie ist ein Zusammenspiel. Genau dieses muss immer wieder neu organisiert werden – technisch, gestalterisch, wirtschaftlich und international. Deshalb ist die Arbeit der AMK heute genauso wichtig wie bei ihrer Gründung.“
100 Jahre Idee, 70 Jahre Branchenarbeit
Die Frankfurter Küche machte vor 100 Jahren sichtbar, dass gute Küchen den Alltag erleichtern können. Die AMK sorgt seit 70 Jahren dafür, dass die Idee der geplanten Küche in der Praxis weiterentwickelt wird. Und das hat sie in der Zeit, in der es die AMK gibt, sichtbar getan. Aus der kompakten Arbeitsküche, bei der effizientes Arbeiten im Mittelpunkt stand, wurde die offene Wohnküche, der Mittelpunkt des Wohnens ist. Aus der seriellen Standardlösung wurde die individuell geplante Einbauküche. Aus dem einzelnen Küchenraum wurde ein Lebensraum. Geblieben ist die Grundidee: Küche braucht System. „Die beste Würdigung der Frankfurter Küche ist nicht Nostalgie“, sagt Volker Irle. „Sie besteht darin, die zentrale Frage weiterzustellen: Welche Küche braucht unser Alltag heute? Genau daran arbeitet die AMK – gemeinsam mit der Branche, dem Handel und den Menschen, die Küchen planen, produzieren, verkaufen und nutzen.“ (AMK)
Bild 1:
Am 20. Januar 1956 trafen sich die Vertreter von zwölf Unternehmen in Darmstadt und beschlossen die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. Die Satzung wurde am 26. Mai 1956 gemeinsam mit dem Gründungsprotokoll beim Amtsgericht Darmstadt eingereicht. (Foto: AMK)
Bild 2:
Niedersächsische Landesausstellung in Hannover 1958: Die AMK ist das erste Mal auf der Messe mi einem Informationsstand vertreten. (Foto: AMK)
Bild 3:
Der Rundfunk zu Gast bei der AMK: Fernsehübertragung vom AMK-Ausstellungsstand in Düsseldorf 1968. (Foto: AMK)
Bild 4:
2025 präsentiert sich die deutsche Küchenindustrie bereits zum vierten Mal auf der Fachmesse KBIS in Las Vegas. Auf dem deutschen Gemeinschafts-stand, der in Zusammenarbeit von AMK und VDM organisiert wurde, stellen 15 deutsche Küchenmöbelproduzenten und -zulieferer aus. (Foto: AMK)
Bild 5:
Blick in die “Frankfurter Küche” aus der Siedlung Römerstadt in Frankfurt a.M. von 1927/28, ausgestellt in der Schausammlung des Werkbundarchiv – Mu-seum der Dinge. Alles ist in Reichweite durch die L-förmig angeordneten Schränke und Arbeitsgeräte und den relativ kleinen, freien Aktionsraum davor. (Foto: Armin Herrmann)
Bild 6:
Moderne Einbauküche der späten 1950er Jahre: Funktionalität, Rationalisierung und neue Wohnkultur prägen die Küche mit eingebauten Arbeitsbereichen, freistehenden Geräten, pflegeleichten Oberflächen und einer klar gegliederten Arbeitsorganisation. Sie steht beispielhaft für den Wandel vom traditionellen Wirtschaftsraum zur modernen Arbeitsküche der Nachkriegszeit. (Foto: AMK)
Bild 7:
Mitte der 1970er Jahre prägten warme und teilweise kräftige Farbtöne das Design in der modernen Familienwohnung. Für die Küche hieß das: senfgelbe Resopal-Fronten, Arbeitsplatten in Holzdekor und ein markanter orange-braun gemusterter Fliesenspiegel. Die freistehenden Geräte wichen den Einbaugeräten. So galt die vollständig integrierte Einbauküche als modern und komfortabel. (Foto: Fotorealistisches Stilbild, KI generiert)
Bild 8:
Mitte der 1970er Jahre prägten warme und teilweise kräftige Farbtöne das Design in der modernen Familienwohnung. Für die Küche hieß das: senfgelbe Resopal-Fronten, Arbeitsplatten in Holzdekor und ein markanter orange-braun gemusterter Fliesenspiegel. Die freistehenden wichen den Einbaugeräten und so galt die vollständig integrierte Einbauküche galt als modern und komfortabel.(Foto: AMK)
